Babylon Adobe, Ausgabe 2017

16. Oktober 2017

Adobe, wie sieht es aus? Zweimal habe ich hier darüber geklagt, wie uneinheitlich ihr ein einfaches Interface-Element wie den Sichern-Dialog in euren Apps gestaltet. Bei letzten Nachschauen sahen keine zwei Dialoge gleich aus – und ich habe mich gefragt, wie man es anders als mit Absicht erklären kann, dass ihr als Designexperten, als die ihr euch bezeichnet, den Dialog in InDesign anders gestaltet als den in Illustrator und den wiederum anders als den Photoshop-Dialog. Und so weiter, über alle Programme der Suite hinweg. Wo doch alle Interfacedesigner lernen, wie hilfreich Designsysteme sind, in denen gleiche Funktionen gleich aussehen und gleich funktionieren.

Also wie seht es heute aus? In der Suite hat sich ja einiges getan. Inzwischen gibt es das Paket nur noch als Abo, ziemlich regelmäßige Updates inklusive. Einige Programme wie Muse oder Reflow sind nicht nicht mehr enthalten, Flash heißt jetzt Adobe Animate und Fireworks läuft zwar noch unter Sierra, wird aber schon lange nicht mehr offiziell unterstützt. Es gibt neue Programme wie Experience Design (Adobe XD). MacOS ist einige Versionen älter geworden und hat sich visuell auch von den letzten »Aqua«-Elementen verabschiedet. Das sollte sich auch in angepassten Systemdialogen zeigen. Oder, Adobe?

Hier eine Auswahl von Adobe-Sichern-Dialogen auf MacOS, Ausgabe 2017.

Sichern-Dialoge in verschiedenen Apps der Adobe CC-Suite 2017

What.The.Fuck.

Ehrlich, Adobe, ich hätte nicht gedacht, dass es noch schlimmer kommen kann, aber es geht doch, wie man sieht. Jetzt ist es schon schwierig, zwei gleiche Speichern (Sichern?) Buttons zu finden. (Doch, zwei sind gleich. Welche?) Und es gibt neue Variablen: Zum Beispiel den Grauton der Titelzeile (hä?), die Strichstärke und die Farbe der Pillbox-Buttons und überhaupt die Form der nachgemachten Systemschaltflächen.

Was da im Einzelnen schiefgeht, kann ich gar nicht mehr vollständig aufzählen; ihr könnt selbst versuchen, alle Unterschiede zu finden. Meine Highlights sind der gegen jede Systemkonvention verstoßende Fuse-Dialog (rechte Spalte, vierter von oben) und der von Fireworks, der zwar nicht auf Retina umgestellt wurde (warum auch), mich dafür aber modern duzt.

Das einzig erfreuliche findet sich bei einem der neuesten Mitglieder des Pakets, Adobe Experience Design. Hier beachtet Adobe, soweit ich sehen kann, alle Apple-Interface-Richtlinien, bis hin zur Ellipse (…) im Speichern-Button.

Besteht also Hoffnung auf ein Interface von Adobe-Apps, das einheitlich ist, sich an Systemstandards hält und nicht für jedes Programm neu erfunden wird? Ich fürchte nicht. Denn auch in Adobe XD bekommt man nicht bei cmd-Klick auf einen Dokument-Fenstertitel den Pfad der Datei, nur so als Beispiel.

Aber es ist ja noch eine Beta. Halt Dich ran, Adobe.

Babylon Adobe

7. März 2013

Vor einiger Zeit habe ich in Das Rad erfinden – immer und immer wieder, gestaunt, wie es Adobe geschafft hat, den gleichen Dialog immer wieder anders zu gestalten.

Inzwischen sind neue Versionen draußen, und Adobe hat neue Programme herausgebracht. Auf dem Bürorechner habe ich seit kurzem CS6 und einiges aus den Edge-Programmen.

Zeit für ein Update. Wie also sieht der Dialog aus, der vor dem Schließen ungesicherter Dateien warnt? Hat Adobe es geschafft, ihn zu vereinheitlichen, oder sieht es immer noch aus wie Kraut und Rüben? Schauen wir nach.

CS6 Creative Suite

CS 6 all

Ja, das sind die Dialoge aus den neuesten Versionen von Photoshop, InDesign, Fireworks, Flash, Illustrator, After Effects, Premiere, Encore, Audition und Dreamweaver.

Nicht zwei davon sehen gleich aus.

Prüft es nach. Es gibt immer mindestens einen Unterschied. Es ist tatsächlich erstaunlich, in wie vielen Kombinationen man die Einzelteile dieses simplen Dialogs zusammenbauen kann, und Adobe liefert mit jedem Programm aus einer Suite eine andere Kombination aus.

Ist das noch Zufall?

Oder schaut jemand, was noch nicht nicht variiert wurde und macht das dann entsprechend anders? Man wähle: Größe, Ausführung als Sheet oder Dialogfenster, Hintergrundfarbe, Beschriftung der Fensterleiste, Icongröße und -Art, Text (Schnitt, Satzbreite, Zusatztext oder nicht), Anführungszeichen (typografische oder falsche, einfache oder normale), „Sichern“ oder „Speichern“, Reihenfolge der Schaltflächen.

Es ist unglaublich.

Andere Adobe-Programme

Adobe other

Auch wieder anders, jedesmal neu zusammengewürfelt. Das irre ist, ich kann überhaupt kein System erkennen.

  • Als Sheet erscheint der Dialog beim Veteran Flash genau wie beim neuen Reflow, aber nicht beim ebenfalls neuen Animate oder beim zweiten Macromedia-zukauf Fireworks.
  • Die Oberflächen der Flaggschiffe Photoshop und Illustrator sind beide seit neuestem dunkel, aber nur bei Illu ist auch der Dialog dunkel.
  • Bei Photoshop wie bei Indesign fehlt der Hinweis, dass ungesicherte Änderungen verloren gehen, aber der Text ist bei PS fett, bei InDesign nicht.
  • Der deutsche Text scheint jedesmal neu übersetzt zu werden, oder es heißt schon im englischen Original immer anders: „Möchten Sie Ihre Änderungen sichern“ gegen „Möchten Sie die Änderungen speichern“; „Änderungen an … speichern“ gegen „Änderungen in … speichern“.

Niemand scheint sich darum zu kümmern.

Standards, Schmandards

Es gibt also bei Adobe offensichtlich keine Vorlage für diesen Standarddialog, die sie einfach für jedes neue Programm übernehmen könnten. Aber es muss doch ein Riesenaufwand sein, es jedes Mal neu zu bauen. Selbst wenn man zugesteht, dass alle Adobeprogramme für Mac OS und Windows produziert werden, käme man doch entweder mit zwei Lösungen aus, die sich an die Systemstandards halten, oder gar mit nur einer, die plattformunabhängig geschrieben wird.

Auf Windows habe ich jetzt nicht nachgesehen, aber auf Mac OS findet sich zum Beispiel dieses:

Standard

Ziemlich einheitlich, oder? Oben Keynote und Vorschau von Apple, unten die Apps Sketch und Soulver. Unterschiede gibt es hier auch, aber bis auf die Tatsache, dass Soulvers Dialog etwas breiter ist, sind gleiche Elemente auch genau gleich gestaltet. Es gibt eben nur nicht in jedem Dialog alle Elemente, die möglich sind. Aber:

  • der Dialog ist immer ein Sheet
  • das Icon ist das Programmicon ohne Warndreieck
  • die Abstände sind immer gleich
  • Das Wording ist immer gleich (auch die Anführungsstriche sind korrekt und passen zur Sprache)

Der Unterschied besteht darin, ob gleich ein Speicherort angeboten wird (alle bis auf Soulver), wobei Vorschau auch gleich eine Option für das Dateiformat anbietet.

Es gibt also einen Standard, man muss ihn nur einsetzen. Und tatsächlich gibt es ein Adobeprogramm, dass sich genau an diese Standards hält. Nur eines (jedenfalls von denen, die ich hier angesehen habe). Man glaubt aber nicht, welches:

Flash.

Mein erster Mac…

6. Oktober 2011

Meinen ersten Mac habe ich im Computerlabor der Hochschule für bildende Künste in Braunschweig gesehen und dann auch benutzt. Es war ungefähr 1989, die Macs hatten keine Festplatte und mussten von der Systemdiskette gestartet werden, die in der Mitte des Raumes in einer Pappschachtel lag.

Die Schriftsetzer, die bei uns auch lehrten, verachteten die Kisten. Wir Grafikdesignstudenten dagegen waren fasziniert von den Möglichkeiten. Meine ersten Lieblingsprogramme waren Pagemaker und später FreeHand.

Um an den später nach und nach angeschafften Mac II arbeiten zu dürfen, mussten wir einen Computerschein machen. Aber Farbe am Computer, was für eine Erleichterung! Bis dahin hatten wir unsere Layouts mit Letracopy eingefärbt.

Mein erster eigener Mac war später ein Performa 475 (eine von den Pizzaschachteln), dazu kaufte ich für viel Geld einen Laserdrucker, einen HP LaserJet 4ML. Der läuft heute noch, während der Performa durch andere Macs ersetzt wurde: einem G3 Desktop, dann einem G3-iBook (in orange) als meinem ersten Laptop, gefolgt von zwei weißen iBooks, zuletzt einem MacBook Pro.

Mein ganzes Berufsleben habe ich an Macs gearbeitet. Es wäre anders verlaufen, hätte es sie nicht gegeben.

Nebelwiese

4. Oktober 2011



Nebelwiese, ursprünglich hochgeladen von Rainer Pleyer

Nebel steigt am Abend eines Altweibersommertages aus den Feldern bei Kleinzerlang, Brandenburg.

Italien 2011

23. September 2011

Nicht WanderschuheAufbruch in AcceglioAcceglioAcceglioAuf dem Weg nach ChialvettaChialvetta
ChialvettaMarienbildnis in ChialvettaChialvettaAuf dem Weg nach zur GardettaChiapperaWegmarkierungen
Zur GardettaPiemontesische KüheKuhirte beim MelkenBlumenHilfsweise geklebter SohlenrandKuhglocken
Auf der GardettaGardettaWolken im TalGardettaGardettaRifugio Gardetta

Italien 2011, ein Album auf Flickr.

Eindrücke von einer Wanderung im September in den piemontesischen Alpen.

Relaunch bei amazon.com – das Ende der Navigation?

1. September 2011

Vor vier Jahren hat Amazon die Reiternavigation aufs Altenteil geschickt, und jetzt kommt gleich die ganze (sichtbare) Navigation dran: Ein zunächst eingeschränkter Besucherkreis sieht amazon.com nun so:

Die seitliche Navigation ist nicht mehr zu sehen. Den Header beherrscht das riesige Suchfeld, und nur, wenn man mit der Maus über die ziemlich unauffällige Schaltfläche geht, zeigt sich, in welchen Abteilungen und Bereiche man hier stöbern kann. Das wiederum ist aber zum Teil ganz schön aufwändig gestaltet:

Ziemlich radikal, aber passend, finde ich. Wer das nachmachen will, soll erst einmal eine mindestens so gute Suche wie Amazon bauen.

Das Rad erfinden – immer und immer wieder

16. August 2011

Fünfmal der gleiche Dialog, aus verschiedenen Adobe-Programmen (Klicken zum Vergrößern). Wer findet alle Fehler und Unterschiede?

  1. Keiner ist als „Sheet“ ausgeführt, wie Apple es vorsieht. Sie bleiben also nicht am Dokument.
  2. Alle haben verschiedene Größen.
  3. Mal ist der Text mit dem linken Button ausgerichtet, mal nicht.
  4. Überhaupt, die Abstände innerhalb der Dialoge.
  5. Zwei Dialoge haben keinen Fenstertitel (die beiden CS5-Versionen), drei haben einen. Darunter die beiden Dialoge der Preview-Versionen, also von neuen Programmen. Aber alle drei Titel sind verschieden.
  6. Der Muse-Dialog (Muse ist das einzige AIR-Programm) enthält auch die „Ampel“ mit dem roten Knopf zum Schließen.
  7. Die Icons sind mal groß, mal klein. Es sind entweder nur das Programm-Icon, nur das Warndreieck, oder beides. Nicht mal bei den beiden CS5-Programmen sind sie gleich.
  8. Bei den deutschen Dialogen heißt es mal „Sichern“, mal „Speichern“. Auch das ist bei den CS5-Programmen unterschiedlich.
  9. Edge benutzt nicht nur „No“ und „Yes“ statt „Don’t Save“ und „Save“, es vertauscht auch noch „Cancel“ und „No“ und stellt den destruktiven Button gleich neben den sicheren.
  10. Im Muse-Dialog malt Adobe eigene Buttons.
  11. Der Text ist mal fett und mal nicht. Immerhin ist das bei den CS5-Programmen gleich.
  12. Dafür sind die Texte bei beiden CS5-Programmen unterschiedlich.

Anscheinend wird bei Adobe sogar so ein Standarddialog jedesmal neu erfunden. Das Schlimme daran sind nicht allein die Unterschiede (die Apple-HIG sind tot, oder nicht?), sondern die unnütze Arbeit, die die Entwickler jedesmal neu hineinstecken, und die Unsicherheit, die der Nutzer deswegen hat.

Alles hängt zusammen. Oder so.

9. Juni 2011

Es gibt schon lustige Zufälle.

Prolog: Vor Jahren habe ich im Urlaub in Dänemark ein Konzert in Odense besucht, um David Eugene Edwards spielen zu sehen. Edwards war einer der Musiker von 16 Horsepower gewesen (großartige, besessene Musik), und nun war er solo unterwegs. Er bestritt das Konzert aber nicht allein, sondern als einer von drei Acts. Vor ihm spielten noch Brother Danielson und Sufjan Stevens. Die kannte ich beide nicht.

Aber die drei verband etwas, nämlich ihre tief christliche (archaisch-christliche) Einstellung, die auch – unterschiedlich explizit – ihre Musik prägte. Zum Glück war die von „christlicher Rockmusik“ weit entfernt, aber schräg war das schon. Brother Danielson lieferte den durchgeknalltesten Auftritt ab, den ich bisher gesehen habe. Verkleidet als Baum, kreischte er mit Falsettstimme seine Erweckungs- und Missionslieder hinaus. Unbeschreiblich. Aber die Musik von Suvjan Stevens gefiel mir.

Eine Weile nach dem Urlaub fuhr ich von Hamburg nach Bremen. Ich schaltete das Radio an, und auf NDR lief eine Sendung über Stevens, was ich schon bemerkenswert fand. Wie ich so zuhöre, überhole ich langsam einen Lastwagen. Und auf dem steht in Riesenbuchstaben: Odense.

Zeitsprung, ein paar Jahre später. Über einen Artikel auf wired.com erfahre ich von Zoë Keating, laut Eigenbeschreibung „professional avant cellist and amateur nerd“. Also sehr interessant.

Nochmal später. Mit Freunden (die übrigens auch in Odense dabei waren), radeln wir durchs Bremer Blockland und machen Rast am Hof Kaemena, Eis essen (leckerstes Bio-Eis). Eine junge Frau baut eine kleine Musikanlage auf, und nach ein paar Problemen mit herausfliegenden Sicherungen hören wir wunderbare kleine Stücke – alle mit Dinosauriernamen betitelt – mit ihrem Gesang, Violine, Accordeon und einer Loopbox. Bei Loopbox fällt mir Zoë Keating ein, und ich spreche die Musikerin, Emma Hooper (auftretend als „Waitress for the Bees), darauf an. Ja, die mag sie auch.

Wieder zu Hause finde ich ihre Website und darüber ihre Seite bei Bandcamp, wo man ihre Musik auch kaufen und herunterladen kann (nun hatten wir aber schon die CD).

Und was steht auf der Homepage von Bandcamp?

Natürlich habe ich mir dann auch angeschaut, was Amanda Palmer für Musik macht (z.B. Radiohead-Cover mit der Ukulele begleitet).

Und es ist fast schon unnötig zu erwähnen, dass Amanda Palmer und Zoë Keating auch schon zusammen gespielt haben.

Geraune statt Journalismus: Wie die FTD ein Bild (um)deutet und Verschwörungstheorien Futter gibt

4. Mai 2011

 

P050111PS-0210, ursprünglich hochgeladen von The White House

Über den RSS-Feed des Stern bin ich heute auf diese Nachricht gestoßen: »Interaktives Foto: Die inszenierte Todesnacht«

Im Anrisstext steht:

»Präsident am Katzentisch, Militärs im Zentrum, Außenministerin entsetzt: Auf dem Foto der Todesnacht hinterlassen die USA nichts dem Zufall. Unser Partner FTD.de erklärt das Bild.«

Die Headline bei der FTD:

»Wie das Weiße Haus Bin Ladens Todesnacht inszeniert«

Und weiter:

»Auf dem offiziellen Foto […] ist jedes Detail bewusst gewählt.«

Das jetzt schon berühmte Bild ist eine Inszenierung? Oder war gar die Todesnacht inszeniert, also gar nicht richtig echt? Was schreiben die da?

Das Interaktive Foto ist eine kommentierte Führung durch dieses Foto des offiziellen Fotografen des Weißen Hauses, Pete Souza. Nach einem Satz, was auf dem Bild zu sehen ist, scheibt Autor Matthias Janson:

»Was bei flüchtiger Betrachtung als unbemerkter Schnappschuss erscheint, erweist sich bereits beim Blick auf die Aufnahmeperspektive als perfekt durchkomponiertes PR-Foto:«

Was soll damit gesagt werden? Pete Souza macht seit Jahren tausende von Fotos in der nächsten Umgebung des Präsidenten. Außerdem versteht er sein Metier, d.h. er ist geübt, Momente durch Wahl von Bildausschnitt und den richtigen Zeitpunkt so zu verdichten, dass ein packendes Bild entsteht. Natürlich kennt er die Regeln der Bildkomposition, und natürlich wird aus den gemachten Bildern das ausgesucht, das eine bestimmte Bildaussage am treffendsten wiedergibt. Seine Bilder sind, wenn man will, PR.

Aber unter PR-Fotos versteht man gemeinhin auch speziell für einen Anlass »inszenierte« Fotos, also gestellte oder geschönte Aufnahmen, die keinen authentischen Moment zeigen, sondern solche, bei dem das Motiv und die Situation vollständig unter Kontrolle des Fotografen stehen und vielleicht nur dafür gemacht sind. Die Bilder für die Wahlplakate der Bremer CDU-Kandidatin sind ein schönes Beispiel dafür. Wer glaubt schon, dass die Arbeiter neben ihr »echt« sind? Dass das Bild auf einer echten Firmenbesichtigung geschossen wurde? Und was steht wohl auf dem Clipboard, das sie in der Hand hat? Natürlich ist das nur eine Requisite.

Meint Janson PR in diesem Sinne?

Janson stellt auch einen Gegensatz auf, der keiner ist: warum kann ein Schnappschuss nicht der PR dienen? Das entscheidende Wort ist »perfekt durchkomponiert«. Nach dem suggestiven Titel »die inszenierte Todesnacht« legt er damit die Deutung nahe, das Bild sei wie ein Gemälde komponiert. Und das ist dann ja irgendwie nicht echt, nicht authentisch.

»Der Fotograf befindet sich nahezu auf Augenhöhe mit den aufgenommenen Personen, wodurch sich der Betrachter als Teil der Szenerie fühlt.«

Ein Teil der Personen im Bild steht, ein anderer Teil sitzt. Souza hat das Bild aus einer Höhe dazwischen aufgenommen, wahrscheinlich in leicht gebückter Haltung oder in der Hocke, eigentlich auf der Augenhöhe von niemandem. Am ehesten ist das noch die Augenhöhe von Sicherheitsberater McDonough (links neben Clinton), und der ist sicherlich nicht die Hauptperson. Als Teil der Szene fühlt sich der Betrachter dennoch, was aber eher daran liegt, dass Souza sehr nah am Geschehen ist und ein leichtes Weitwinkelobjektiv eingesetzt hat (35 mm Brennweite nach den EXIF-Daten, die auf Flickr zu sehen sind).

»Der Raum ist für dieses Foto perfekt ausgeleuchtet, ein Blitzlicht ist nicht zu erkennen.«

Der Raum ist bei weitem nicht perfekt ausgeleuchtet. Auf andere als die in so einem Raum normalen Lichtquellen gibt es keine Hinweise. Die indirekte Beleuchtung an der Rückwand führt dazu, dass die hellen Stellen an der Wand schon ausfressen, und die Personen, die dort stehen, sind ungünstig von hinten beleuchtet. Weiteres diffuses Licht scheint aus Richtung des Betrachters. Souza hat tatsächlich nicht geblitzt (dies wie alle weiteren technischen Daten entnehme ich den EXIF-Daten), aber er hat auch mit ISO 1600 und relativ offener Blende (3,5) fotografieren müssen. Seine Kamera kann schon so ziemlich rauschfreie Bilder erzeugen, und sicherlich wurde das Rauschen noch am Rechner reduziert. Trotzdem ist Obama etwas unscharf, und das Bild ist nicht ganz sauber. Bei einem perfekt ausgeleuchteten Raum könnte man solche Nachteile vermeiden.

»Der abgebildete Moment scheint in hohem Maß authentisch.«

Er scheint also nur so. Ist er es denn nicht? Und wenn es nicht authentisch ist, was dann?

»Barack Obama inszeniert sich auf diesem Foto als Mann des Volkes, den man im Supermarkt nebenan treffen könnte. Er trägt statt eines steifen Anzugs eine bequeme Jacke. «

Er »inszeniert sich«. Also hat er seinen Aufzug bewusst so für diesen Augenblick, für dieses Foto gewählt?

»Sein Sitzplatz am Tisch ist nicht besonders hervorgehoben, dadurch entsteht beim Betrachter der Eindruck eines eingespielten Teams mit flachen Hierarchien.«

Flache Hierarchien sind natürlich modern und gut, und das Bild soll damit also auch unter diesem Aspekt die Regierungsmannschaft in ein positives Licht stellen.

Wenn aber ein Chef eine Anweisung an sein Team gegeben hat, hat er, wenn er gut ist, konkret erst einmal nichts zu tun. Das gilt besonders in straff hierarchisch organisierten Strukturen. Anders als Brad Webb (der uniformierte Mann in der Mitte), ist Obama also momentan tatsächlich nur Zuschauer. Ich finde übrigens nicht, dass dies ein Musterbild für ein eingespieltes Team ist.

»Durch seine gebeugte Haltung und den ernsten Gesichtsausdruck vermittelt Obama zudem Konzentration und entkräftet eine mögliche Vermutung, er könne bei der Tötung Bin Ladens Freude empfunden haben.«

Das kann er ja nur absichtlich und in vollem Bewusstein der Wirkung getan haben. Woher weiß Janson eigentlich, dass dies der Moment der Tötung Bin Ladens ist? Die Bildunterschrift des Weißen Hauses sagt nur »(they) receive an update on the mission against Osama bin Laden«.

»Obama ist – anders als seine Außenministerin – nicht scharf gestellt.«

Bei einer Blende von 3,5 wäre es auch nicht möglich, beide scharf im Bild zu haben. Souza musste sich also entscheiden, aber er hat vielleicht sogar mehrere Bilder gemacht, bei denen die Schärfe jeweils woanders liegt (sogar ich mache das so). Und zum Schluss wird das Bild mit der besten Wirkung ausgesucht.

»Hillary Clinton wirkt geschockt. Ob sie es tatsächlich war, lässt das Bild offen.«

Wirkt sie so? Man kann den Gesichtsausdruck auch weniger dramatisch so deuten, dass da jemand mit großer Anspannung einem emotional mitreißenden, hochwichtigen Ereignis folgt, dessen Ausgang nicht gewiss ist. Ich habe auch schon Fußballfans mit diesem Ausdruck gesehen. Aber wie Janson das schreibt, erzeugt er den Eindruck einer Frau, die möglicherweise schauspielert, wenn auch – vielleicht – unbewusst:

»Zweifel sind jedoch angebracht: Die Kommunikationswissenschaftlerin Elke Grittmann weist auf den Trend hin, dass Fotografien innherhalb der politischen Berichterstattung zunehmend danach ausgewählt werden, ob sie Emotionen transportieren. Eine erfahrene Politikerin wie Hillary Clinton weiß das und verhält sich vermutlich danach. Laut Grittmann nutzen viele Politiker den „Pawlowschen Reflex“ von Fotografen aus, die stets auf der Suche nach originellen Motiven sind.«

Aha. Clinton setzt also einen geschockten Gesichtsausdruck auf, auch wenn sie es vielleicht nicht ist, nur um damit den pawlowschen Reflex von Fotograf Souza auszulösen. Das suggeriert Jansons Text. Bin ich der einzige, der das für ein wenig zu weit hergeholt hält? Kann es nicht vielleicht so sein, dass die Außenministerin wirklich angespannt ist, und dass Souza als guter Fotograf, der er ist, deshalb die Gewichtung im Bild auf sie gelegt hat? Vielleicht sogar instinktiv? Dann wäre aber das Bild nicht so schön »inszeniert«, also geplant, was es ja von allen Beteiligten irgendwie zu sein scheint, wenn man Janson folgt.

Zu Joe Biden sagt Janson nicht viel, was mit dem Bild zu tun hat, aber auch bei ihm weist er auf den fehlenden Anzug und die nicht vorhandene Krawatte hin, wodurch dieser »weniger wie ein Repräsentant des Staates denn als ein Politiker, der sich durch Volksnähe auszeichnet« erscheint. Das kann ja sein, aber in diesem textlichen Umfeld muss der Leser wohl vermuten, Biden trage das nur wegen der Wirkung für dieses Bild.

Zu Brigadegeneral Marshall B. Webb zählt Janson ein paar Beobachtungen auf (die Uniform, seinen Platz in der Bildmitte, seine andere Blickrichtung, den erhöhten Sitzplatz) und fasst zusammen:

»All diese Faktoren suggerieren, dass das tatkräftige US-Militär die Anti-Terror-Aktion zu jeder Zeit unter Kontrolle hatte.«

Aber so, wie der Brigadegeneral auf seinen Laptop schaut, sieht er für mich ganz und gar nicht tatkräftig aus, sondern eher ein wenig linkisch; so wie einer unserer Projektmanager, wenn das mit der Webex-Konferenz nicht so recht läuft. Hat er die Situation wirklich unter Kontrolle? Man kann das so oder so sehen. Ich glaube, dass meine Deutung mit größerem Recht aus dem Bild herauszulesen ist.

Aber damit wäre das Bild ja kein perfektes PR-Foto.

Webb trägt natürlich Uniform, denn er ist im Dienst und kann, anders als seine Chefs, nicht leger auftreten. Nicht Uniform tragen zu müssen, ist das Privileg der wirklich hochgestellten, also eher ein Zeichen dafür, dass der General das ist, was man einen Manager nennt. Tatkräftig mag er ja sein, aber wo sieht man das im Bild? Gar nicht, das ist eine willkürliche Charakterisierung, die Janson da einfügt.

Diese Bildstrecke hinterlässt bei mir einen ganz schlechten Nachgeschmack. Ich bin ja ein Freund von investigativem Journalismus. Aber was ist das, was Matthias Janson hier schreibt? Er ist derjenige, der das Bild inszeniert. Er macht, was Verschwörungstheoretiker machen: Absicht finden, wo Absicht nur mit Mühe herauszulesen wäre, unlautere Intentionen andeuten (aber nicht zu eindeutig), normale Umstände als Beleg für Manipulation auslegen. Er widerspricht sich selbst. Seine Deutungen sind nicht durch das gedeckt, was er als Beleg anführt.

Und das in einem Umfeld, in dem jetzt schon Verschwörungstheorien gedeihen. Natürlich macht die US-Regierung PR. Natürlich darf man Zweifel hegen über die Art, wie die US-Regierung ihre Aktionen präsentiert, und natürlich muss man nicht alles glauben, was von offiziellen Stellen veröffentlicht wird.

Aber was die FTD mit diesem Artikel auf ihren Seiten präsentiert, ist einfach nur schlechter Journalismus. Und wenn schon Autoren der FTD mit Tatsachen so manipulativ umgehen: wie soll man da noch gegen die richtigen Wahrheitsverdreher argumentieren. Oder gegen BILD.

Der Drache und die Prinzessin

23. März 2011



Der Drache und die Prinzessin, ursprünglich hochgeladen von Rainer Pleyer

Man vergisst heute zu leicht, was für grausliche Geschöpfe Drachen gewesen sind.