Auf Wiedersehen, Keynote (erstmal)

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Ich habe PowerPoint immer gehasst. Als ein Kollege vorschlug, Keynote für die Firmenpräsentationen gar nicht mehr zu unterstützen, war ich überzeugt, dass ich lieber die Firma wechseln würde als mit Microsofts Produkt arbeiten zu müssen.

Das hat sich geändert. Ich mag PowerPoint immer noch nicht so, wie ich Keynote in seinen besten Tagen geliebt habe, aber aus Gründen, die ich unten erkläre, werde ich in Zukunft hauptsächlich damit meine Präsentationen bauen, und anders als bei früheren Wechseln habe ich nicht das Gefühl, auf ein viel schlechteres Programm umsteigen zu müssen, weil das bessere eingestellt wurde.

Eine Geschichte von Abschieden

Ich musste mich mehrmals von Anwendungen verabschieden, die ich ihren Konkurrenten weit vorzog. FreeHand, als Adobe es erst kaufte, es dann aufgab und es schließlich zugunsten von Illustrator sterben ließ. Fireworks, ebenfalls von Adobe übernommen, die es zuerst weiter pflegten und es sogar in die Creative Suite aufnahmen, bis sie es fallen ließen, weil sie Fireworks Platz in ihrem Anwendungsportfolio nicht sehen konnten.

Apples Aperture. Ambitioniert (überambitioniert?), aber für mich passte es immer besser als Adobes Lightroom – trotz der ziemlich hohen Hardwareanforderungen von Aperture. Beide Apps richteten sich an dieselbe Kundengruppe: Profi- und Semi-Profi-Fotografen, die Apple dann nicht mehr mit einer spezialisierten App bedienen wollte. Adobe vermarktete Lightroom aggressiv und Apple hatte bereits eine überarbeitete Fotoanwendung für eine größere Anzahl von Kunden in Arbeit, also haben sie Aperture aufgegeben.

Jeder dieser Wechsel war für mich ein Verlust, weil mir jemand ein gutes Werkzeug genommen hatte und ich mit minderwertigen Alternativen fertig werden musste. (Nun, für mich minderwertig. Ihr seht das vielleicht anders. Ich möchte hier nicht streiten.)

Dieses Mal betrauere ich den Abschied zwar auch, aber aus anderen Gründen, denn diesmal fühlt sich meine App (Keynote) nicht mehr so überlegen an.

Keynote, Liebe auf den ersten Blick

Warum fand ich Keynote von Anfang an großartig? Sicher, es hatte eine Killer-Funktion: automatische (»magische«) Übergänge von Objekten zwischen Folien, aber das war es nicht. Es war das ganze Paket: Pro-Level-Layout-Steuerung (pixelgenaue Platzierung, yes!, intelligente Hilfslinien, yes!), nutzbare Animationen (ein schönes und anpassbares Cross-Fade, ich habe selten die spektakuläreren verwendet). Ein Interface, bei der man beim Ändern einfacher Eigenschaften nicht nach Funktionen suchen oder sogar blind modale Dialoge verwenden muss. Kopieren und Einfügen oder Ziehen und Ablegen für alle Bildformate, die es gibt (nun, die vielen, die der Mac kennt). Vorlagen, in denen man einzelne Elemente zurücksetzen und die Konsistenz wahren kann, bei gleichzeitiger kreativer Freiheit. Nutzbare, präzise Bildmasken. Tastenkombinationen für die Handhabung von Elementen (einfache Änderung der Stapelreihenfolge, yay!).

Ich konnte Präsentationen besser und schneller als je zuvor erstellen und sogar Dinge in Keynote tun, die mit PowerPoint nicht möglich waren oder zusätzliche Software erforderten. Ich zeigte App-Konzepte und interaktive Web-Layouts, vollständig in Keynote aufgebaut, die sich für den Kunden wie echt anfühlten.

Keynote tut das immer noch, nicht wahr? Was hat sich geändert?

Ein Abstieg

Es begann vor einigen Jahren, als Apple die Layout-Engine von Keynote änderte, um eine Feature-Parität mit den iOS- und Web-Versionen zu erreichen. Funktionen wurden herausgenommen. Aber ich konnte damit leben, weil der neue App-Kern versprach, vielseitiger zu sein als der alte und fehlende Funktionen schließlich wiederhergestellt würden.

Aber die neue Version hatte Fehler, manchmal kritische, wie unerwartet fehlende Bilder. Man möchte Folien nicht Minuten vor einer Kundenpräsentation reparieren müssen. Und da die neue Engine nur eine begrenzte Auflösung für Bilder unterstützt, hat Keynote Hirez-Bilder (wie ganzseitige Web-Layouts) durch pixelige Lowrez-Versionen ersetzt – beim Öffnen und ohne den Benutzer zu benachrichtigen! Wir mussten Kollegen davor warnen, alte Präsentationen mit der neuen Version zu öffnen, da das sie unwiderruflich zerstören würde.

Diese Fehler wurden schließlich behoben, aber Vertrauen ging verloren. Zumindest war Keynote immer noch viel schneller und einfacher zu bedienen und das einzige Werkzeug für präzise Bildschirmarbeit (PowerPoint misst bis heute in cm).

Dann passierten zwei Dinge, die für mich die Lage veränderten: Keynote vergaß seine Präzision, und die plattformübergreifende Zusammenarbeit wurde zu einem Muss.

Adieu, Präzision

Was die Genauigkeit betrifft: Anders als in PowerPoint war das Platzieren, Positionieren und Anordnen von Objekten auf Folien in Keynote immer schnell, präzise und zuverlässig. Ich konnte den Koordinaten eines Elements vertrauen, sogar (natürlich), über verschiedene Folien hinweg. Aber nun sahen manchmal Objekte mit derselben x-Koordinate nicht aneinander ausgerichtet aus, und das erneute Eingeben desselben Werts ändert sichtbar die Position des Elements. Was wirklich kacke ist.

Außerdem: Beim Platzieren von Hilfslinien wird ihre Position in Prozent der Abmessungen der Folie angezeigt, und sichtbar verschiedene Positionen zeigen denselben Prozentwert. Schlimmer noch, Hilfslinien rasten nicht an Objektkanten ein, so dass man eine Hilfslinie nicht genau an derselben Position wie auf einer anderen Folie platzieren kann. Das macht sie ziemlich wertlos für mich.

Sicher, die Objektplatzierung war in PowerPoint immer wirklich schlecht und sie ist immer noch nicht gut, aber es ist entweder perfekte Präzision oder keine. Und Einrasten an Objekten und intelligente Hilfslinien funktionieren jetzt in PowerPoint. Genau wie das Einfügen an Ort und Stelle. Ein großes Argument für Keynote ist also größtenteils verschwunden.

Bei einem guten Werkzeug vergisst man, dass man es benutzt, richtig? Es wird unsichtbar und macht den Blick auf das Werkstück frei. In der neuen Version wurde Keynote wieder sehr sichtbar, auf unangenehme Art.

Präsentieren in einer Zoom- und Teams-Welt

Ich habe seit mehr als einem Jahr keinen Kunden besucht oder eine Präsentation vor Ort gehalten. Dabei habe ich weder aufgehört zu arbeiten, noch hat sich die Art meiner Arbeit sehr verändert. Dank des Internets funktioniert das, was in räumlicher Nähe getan werden musste, jetzt genauso gut oder noch besser von zu Hause aus, mit Videokonferenz-Apps wie Zoom oder Microsoft Teams. Oder WebEx, Skype, GotoMeeting, Google Meet oder Whereby. (Mit jedem der Tools hatte ich übrigens mindestens einmal ein Videomeeting. Dagegen bin ich nie gebeten worden, an einem FaceTime-Gruppenanruf teilzunehmen.)

Es ist so, dass Keynote mehr Aufmerksamkeit und Sorgfalt bei Remote-Präsentationen erfordert als PowerPoint. Angenommen, ich nehme an einem Zoom-Anruf oder einer Teams-Besprechung teil und möchte meine Präsentation teilen. Mit zwei Monitoren kann ich die Moderatorenansicht auf einem Bildschirm anzeigen und den zweiten Bildschirm mit den Folien teilen. Das funktioniert sowohl in PowerPoint als auch in Keynote. Man muss nur daran denken, „App-Wechsel während der Präsentation zulassen“ in den Keynote-Einstellungen zu aktivieren, sonst kann man nicht zu anderen Apps wechseln, ohne die Präsentation zu beenden. Und während die PowerPoint-Präsentation auf dem Bildschirm sichtbar bleibt, wenn sie nicht aktiv ist, verschwinden Keynote-Folien aus der Ansicht, sobald man cmd-tab drückt. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich kann das nicht gebrauchen.

Um in Remote-Präsentationen flexibler zu sein, führte Keynote kürzlich »in einem Fenster präsentieren« ein, und man kann dann nur dieses Fenster freigeben. Genau das richtige, oder? Leider behandelt Keynote diese Fenster nicht wie gewöhnliche Fenster, so dass Teams es nicht sehen (und daher freigeben) kann. Ich habe einen Teams-Bug eingereicht, um das Problem zu beheben, aber diesmal scheint es nicht die Schuld von Microsoft zu sein.

Aus der Ferne zu präsentieren ist auf jeden Fall knifflig, es ist einfach kniffliger mit Keynote. Auch hier macht sich Keynote zu bemerkbar.

Plattformübergreifende Zusammenarbeit: Barrieren statt Brücken

Früher habe ich in meinem Unternehmen stark für Keynote geworben. Ich habe all die Missverständnisse und Vorbehalte geradegerückt, die meine Mitarbeiter hatten. Was ist an PowerPoint so schlecht? Mit Keynote wurde das erstmals sichtbar. Und ich fand Wege, PowerPoint und Keynote zusammenzubringen.

Was ist mit einem Team, das auf verschiedenen Plattformen an demselben Dokument arbeitet? Nun, ich könnte PPT- und PPTX-Dateien immer öffnen und auch exportieren, und es ging dabei nicht schlimmer kaputt als eine PowerPoint-Datei, die von einem PC an einen Mac gesendet wird. Ich habe Teile von Präsentationen in Keynote erstellt, exportiert und dann auf PowerPoint-Folien kopiert, und das war immer noch schneller (und sah besser aus), als wenn ich das allein in PowerPoint getan hätte.

Keynote blieb eine Insel, aber eine angenehme, und um mit dem Microsoft-Festland zusammenzuarbeiten, gab es zumindest Fähren, mit denen man hinüberkam, und PowerPoint-Dateien mussten wie jede andere Datei mit der Fähre reisen.

Mit der Einführung der gemeinsamen Nutzung von Dokumenten (mit Sharepoint) hat Microsoft die Topologie der Insel sehr verändert. Weil wir Outlook und Teams und Sharepoint in unserem Unternehmen verwenden, konnten alle Mitarbeiter sofort in Echtzeit an freigegebenen ppt-Dateien arbeiten.

Und ich muss sagen, das hat viele Vorteile. Für Keynote hatte Apple nichts Vergleichbares. Natürlich kann man auch andere einladen, an einer Keynote-Datei zusammenzuarbeiten, aber die müssen sich mit einer Apple-ID anmelden. In den meisten Fällen (bei uns jedenfalls) ist das ihre private, die nicht unternehmensweit verwaltet wird. Einige haben gar keine.

Ich habe es versucht, aber nach einigen Experimenten beschloss ich, dass die Überwindung dieser Hürde einfach zu viel Arbeit erfordert. Und eine IT-Infrastruktur, die wir einfach nicht haben und die niemand einführen möchte.

Power Point wurde besser. Ja, wirklich

Wie gesagt, ich habe PowerPoint gehasst. Aber es hat sich geändert. Microsoft hat einige ordentliche Funktionen hinzugefügt, hat sich von Keynote inspirieren lassen, und einige Dinge, die PowerPoint anders macht, macht es sogar besser als Keynote.

Kleine Dinge bedeuteten mehr Komfort, wie die Verwendung derselben Tastenkombinationen zum Ändern der Stapelreihenfolge oder das Gruppieren (und Aufheben der Gruppierung) von Objekten.

Einige Funktionen habe ich auch zu schätzen gelernt, wie verschachtelte Vorlagen oder die Verwendung vorhandener Vorlagen für eingefügte Inhalte, anstatt der Datei neue Masterfolien hinzuzufügen. Diese ist besonders wichtig, um die Präsentationsvorlagen in Ordnung zu halten. Worin Keynote schrecklich ist.

Mit einigen Dingen habe ich gelernt zu leben. Oder ohne einige Dinge, es kommt darauf an. Ich weiß auch nicht, ob sich meine Bedürfnisse geändert haben. Zum Beispiel: Interaktive Prototypen sind inzwischen einfacher mit spezialisierter Software wie Adobe XD (was mir sehr gefällt) zu erstellen.

Und um eine Idee rüberzubringen, ist einfach sowieso besser als kompliziert, so dass die Hauptarbeit für eine Präsentation meistens außerhalb der Präsentations-App stattfindet. Um eine Idee auf einfache Weise zu präsentieren, dazu ist PowerPoint mehr als in der Lage.

Desillusioniert? Es ist nicht perfekt, aber es tut es

PowerPoint macht mich mit vielen Eigenarten immer noch irre. Shift-Pfeiltaste skaliert Objekte, anstatt sie in größeren Schritten zu verschieben? Wahnsinn. Keine Tastenkombination zum Kopieren und Einfügen von Eigenschaften? Es gibt nur das verdammte Pinselwerkzeug. Ein Bild maskieren, ohne es sofort zu verzerren? Vergesst es. Diese hässlichen gepunkteten Hilfslinien? Microsoft hat keinen Geschmack. Modal-Dialogfelder für Text- und Absatzeigenschaften, immer noch? Nur einen Teil einer Folie auf das Standarddesign zurücksetzen? Unmöglich.

Aber es ist eine Wahl zwischen zwei Übeln. Um etwas Notwendiges zu ermöglichen, muss etwas eigentlich Gutes weichen. Das ist bei uns nun Keynote.

Also: Vor allem, weil ich in einem Unternehmen arbeite, in dem Microsoft die Verwendung von PowerPoint einfach macht und das über die Infrastruktur verfügt, um seine Funktionen zu nutzen, werde ich empfehlen, kene Keynote-Vorlagen mehr bereitzustellen. Einige Kollegen mögen daran festhalten, aber die Pflege von zwei Zweigen von Vorlagen lohnt sich nicht mehr.

Ist Apple abgehängt? Wird es untergehen?

Es kümmert mich weniger als die meisten Menschen, ob Apple bei Unternehmenssoftware den Anschluss verpasst hat. Natürlich frage ich mich, warum Zoom und Teams und nicht FaceTime die Führung bei Unternehmensvideoanrufen übernommen haben. Was mich mehr stört, ist der Mangel an Liebe zum Detail mit Software wie Keynote. Wie können Fehler wie die, die ich beschrieben habe, überhaupt passieren? Liegt es daran, dass Steve Jobs, für den diese Software angeblich geschrieben wurde (zumindest soll er die Entwicklung persönlich überwacht haben), nicht mehr da ist? Ich hoffe wirklich, dass ich mich irre.

Andererseits würde es mich nicht überraschen, eine weitere App, die ich sehr liebte, aufgeben zu müssen und zu sehen, wie sie am Ende, obwohl sie mal viel besser war, begraben wird.

Wenn das passiert, wird es in Ordnung sein. Wie bei allem: Auch das wird vorübergehen.

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