Geraune statt Journalismus: Wie die FTD ein Bild (um)deutet und Verschwörungstheorien Futter gibt

 

P050111PS-0210, ursprünglich hochgeladen von The White House

Über den RSS-Feed des Stern bin ich heute auf diese Nachricht gestoßen: »Interaktives Foto: Die inszenierte Todesnacht«

Im Anrisstext steht:

»Präsident am Katzentisch, Militärs im Zentrum, Außenministerin entsetzt: Auf dem Foto der Todesnacht hinterlassen die USA nichts dem Zufall. Unser Partner FTD.de erklärt das Bild.«

Die Headline bei der FTD:

»Wie das Weiße Haus Bin Ladens Todesnacht inszeniert«

Und weiter:

»Auf dem offiziellen Foto […] ist jedes Detail bewusst gewählt.«

Das jetzt schon berühmte Bild ist eine Inszenierung? Oder war gar die Todesnacht inszeniert, also gar nicht richtig echt? Was schreiben die da?

Das Interaktive Foto ist eine kommentierte Führung durch dieses Foto des offiziellen Fotografen des Weißen Hauses, Pete Souza. Nach einem Satz, was auf dem Bild zu sehen ist, scheibt Autor Matthias Janson:

»Was bei flüchtiger Betrachtung als unbemerkter Schnappschuss erscheint, erweist sich bereits beim Blick auf die Aufnahmeperspektive als perfekt durchkomponiertes PR-Foto:«

Was soll damit gesagt werden? Pete Souza macht seit Jahren tausende von Fotos in der nächsten Umgebung des Präsidenten. Außerdem versteht er sein Metier, d.h. er ist geübt, Momente durch Wahl von Bildausschnitt und den richtigen Zeitpunkt so zu verdichten, dass ein packendes Bild entsteht. Natürlich kennt er die Regeln der Bildkomposition, und natürlich wird aus den gemachten Bildern das ausgesucht, das eine bestimmte Bildaussage am treffendsten wiedergibt. Seine Bilder sind, wenn man will, PR.

Aber unter PR-Fotos versteht man gemeinhin auch speziell für einen Anlass »inszenierte« Fotos, also gestellte oder geschönte Aufnahmen, die keinen authentischen Moment zeigen, sondern solche, bei dem das Motiv und die Situation vollständig unter Kontrolle des Fotografen stehen und vielleicht nur dafür gemacht sind. Die Bilder für die Wahlplakate der Bremer CDU-Kandidatin sind ein schönes Beispiel dafür. Wer glaubt schon, dass die Arbeiter neben ihr »echt« sind? Dass das Bild auf einer echten Firmenbesichtigung geschossen wurde? Und was steht wohl auf dem Clipboard, das sie in der Hand hat? Natürlich ist das nur eine Requisite.

Meint Janson PR in diesem Sinne?

Janson stellt auch einen Gegensatz auf, der keiner ist: warum kann ein Schnappschuss nicht der PR dienen? Das entscheidende Wort ist »perfekt durchkomponiert«. Nach dem suggestiven Titel »die inszenierte Todesnacht« legt er damit die Deutung nahe, das Bild sei wie ein Gemälde komponiert. Und das ist dann ja irgendwie nicht echt, nicht authentisch.

»Der Fotograf befindet sich nahezu auf Augenhöhe mit den aufgenommenen Personen, wodurch sich der Betrachter als Teil der Szenerie fühlt.«

Ein Teil der Personen im Bild steht, ein anderer Teil sitzt. Souza hat das Bild aus einer Höhe dazwischen aufgenommen, wahrscheinlich in leicht gebückter Haltung oder in der Hocke, eigentlich auf der Augenhöhe von niemandem. Am ehesten ist das noch die Augenhöhe von Sicherheitsberater McDonough (links neben Clinton), und der ist sicherlich nicht die Hauptperson. Als Teil der Szene fühlt sich der Betrachter dennoch, was aber eher daran liegt, dass Souza sehr nah am Geschehen ist und ein leichtes Weitwinkelobjektiv eingesetzt hat (35 mm Brennweite nach den EXIF-Daten, die auf Flickr zu sehen sind).

»Der Raum ist für dieses Foto perfekt ausgeleuchtet, ein Blitzlicht ist nicht zu erkennen.«

Der Raum ist bei weitem nicht perfekt ausgeleuchtet. Auf andere als die in so einem Raum normalen Lichtquellen gibt es keine Hinweise. Die indirekte Beleuchtung an der Rückwand führt dazu, dass die hellen Stellen an der Wand schon ausfressen, und die Personen, die dort stehen, sind ungünstig von hinten beleuchtet. Weiteres diffuses Licht scheint aus Richtung des Betrachters. Souza hat tatsächlich nicht geblitzt (dies wie alle weiteren technischen Daten entnehme ich den EXIF-Daten), aber er hat auch mit ISO 1600 und relativ offener Blende (3,5) fotografieren müssen. Seine Kamera kann schon so ziemlich rauschfreie Bilder erzeugen, und sicherlich wurde das Rauschen noch am Rechner reduziert. Trotzdem ist Obama etwas unscharf, und das Bild ist nicht ganz sauber. Bei einem perfekt ausgeleuchteten Raum könnte man solche Nachteile vermeiden.

»Der abgebildete Moment scheint in hohem Maß authentisch.«

Er scheint also nur so. Ist er es denn nicht? Und wenn es nicht authentisch ist, was dann?

»Barack Obama inszeniert sich auf diesem Foto als Mann des Volkes, den man im Supermarkt nebenan treffen könnte. Er trägt statt eines steifen Anzugs eine bequeme Jacke. «

Er »inszeniert sich«. Also hat er seinen Aufzug bewusst so für diesen Augenblick, für dieses Foto gewählt?

»Sein Sitzplatz am Tisch ist nicht besonders hervorgehoben, dadurch entsteht beim Betrachter der Eindruck eines eingespielten Teams mit flachen Hierarchien.«

Flache Hierarchien sind natürlich modern und gut, und das Bild soll damit also auch unter diesem Aspekt die Regierungsmannschaft in ein positives Licht stellen.

Wenn aber ein Chef eine Anweisung an sein Team gegeben hat, hat er, wenn er gut ist, konkret erst einmal nichts zu tun. Das gilt besonders in straff hierarchisch organisierten Strukturen. Anders als Brad Webb (der uniformierte Mann in der Mitte), ist Obama also momentan tatsächlich nur Zuschauer. Ich finde übrigens nicht, dass dies ein Musterbild für ein eingespieltes Team ist.

»Durch seine gebeugte Haltung und den ernsten Gesichtsausdruck vermittelt Obama zudem Konzentration und entkräftet eine mögliche Vermutung, er könne bei der Tötung Bin Ladens Freude empfunden haben.«

Das kann er ja nur absichtlich und in vollem Bewusstein der Wirkung getan haben. Woher weiß Janson eigentlich, dass dies der Moment der Tötung Bin Ladens ist? Die Bildunterschrift des Weißen Hauses sagt nur »(they) receive an update on the mission against Osama bin Laden«.

»Obama ist – anders als seine Außenministerin – nicht scharf gestellt.«

Bei einer Blende von 3,5 wäre es auch nicht möglich, beide scharf im Bild zu haben. Souza musste sich also entscheiden, aber er hat vielleicht sogar mehrere Bilder gemacht, bei denen die Schärfe jeweils woanders liegt (sogar ich mache das so). Und zum Schluss wird das Bild mit der besten Wirkung ausgesucht.

»Hillary Clinton wirkt geschockt. Ob sie es tatsächlich war, lässt das Bild offen.«

Wirkt sie so? Man kann den Gesichtsausdruck auch weniger dramatisch so deuten, dass da jemand mit großer Anspannung einem emotional mitreißenden, hochwichtigen Ereignis folgt, dessen Ausgang nicht gewiss ist. Ich habe auch schon Fußballfans mit diesem Ausdruck gesehen. Aber wie Janson das schreibt, erzeugt er den Eindruck einer Frau, die möglicherweise schauspielert, wenn auch – vielleicht – unbewusst:

»Zweifel sind jedoch angebracht: Die Kommunikationswissenschaftlerin Elke Grittmann weist auf den Trend hin, dass Fotografien innherhalb der politischen Berichterstattung zunehmend danach ausgewählt werden, ob sie Emotionen transportieren. Eine erfahrene Politikerin wie Hillary Clinton weiß das und verhält sich vermutlich danach. Laut Grittmann nutzen viele Politiker den „Pawlowschen Reflex“ von Fotografen aus, die stets auf der Suche nach originellen Motiven sind.«

Aha. Clinton setzt also einen geschockten Gesichtsausdruck auf, auch wenn sie es vielleicht nicht ist, nur um damit den pawlowschen Reflex von Fotograf Souza auszulösen. Das suggeriert Jansons Text. Bin ich der einzige, der das für ein wenig zu weit hergeholt hält? Kann es nicht vielleicht so sein, dass die Außenministerin wirklich angespannt ist, und dass Souza als guter Fotograf, der er ist, deshalb die Gewichtung im Bild auf sie gelegt hat? Vielleicht sogar instinktiv? Dann wäre aber das Bild nicht so schön »inszeniert«, also geplant, was es ja von allen Beteiligten irgendwie zu sein scheint, wenn man Janson folgt.

Zu Joe Biden sagt Janson nicht viel, was mit dem Bild zu tun hat, aber auch bei ihm weist er auf den fehlenden Anzug und die nicht vorhandene Krawatte hin, wodurch dieser »weniger wie ein Repräsentant des Staates denn als ein Politiker, der sich durch Volksnähe auszeichnet« erscheint. Das kann ja sein, aber in diesem textlichen Umfeld muss der Leser wohl vermuten, Biden trage das nur wegen der Wirkung für dieses Bild.

Zu Brigadegeneral Marshall B. Webb zählt Janson ein paar Beobachtungen auf (die Uniform, seinen Platz in der Bildmitte, seine andere Blickrichtung, den erhöhten Sitzplatz) und fasst zusammen:

»All diese Faktoren suggerieren, dass das tatkräftige US-Militär die Anti-Terror-Aktion zu jeder Zeit unter Kontrolle hatte.«

Aber so, wie der Brigadegeneral auf seinen Laptop schaut, sieht er für mich ganz und gar nicht tatkräftig aus, sondern eher ein wenig linkisch; so wie einer unserer Projektmanager, wenn das mit der Webex-Konferenz nicht so recht läuft. Hat er die Situation wirklich unter Kontrolle? Man kann das so oder so sehen. Ich glaube, dass meine Deutung mit größerem Recht aus dem Bild herauszulesen ist.

Aber damit wäre das Bild ja kein perfektes PR-Foto.

Webb trägt natürlich Uniform, denn er ist im Dienst und kann, anders als seine Chefs, nicht leger auftreten. Nicht Uniform tragen zu müssen, ist das Privileg der wirklich hochgestellten, also eher ein Zeichen dafür, dass der General das ist, was man einen Manager nennt. Tatkräftig mag er ja sein, aber wo sieht man das im Bild? Gar nicht, das ist eine willkürliche Charakterisierung, die Janson da einfügt.

Diese Bildstrecke hinterlässt bei mir einen ganz schlechten Nachgeschmack. Ich bin ja ein Freund von investigativem Journalismus. Aber was ist das, was Matthias Janson hier schreibt? Er ist derjenige, der das Bild inszeniert. Er macht, was Verschwörungstheoretiker machen: Absicht finden, wo Absicht nur mit Mühe herauszulesen wäre, unlautere Intentionen andeuten (aber nicht zu eindeutig), normale Umstände als Beleg für Manipulation auslegen. Er widerspricht sich selbst. Seine Deutungen sind nicht durch das gedeckt, was er als Beleg anführt.

Und das in einem Umfeld, in dem jetzt schon Verschwörungstheorien gedeihen. Natürlich macht die US-Regierung PR. Natürlich darf man Zweifel hegen über die Art, wie die US-Regierung ihre Aktionen präsentiert, und natürlich muss man nicht alles glauben, was von offiziellen Stellen veröffentlicht wird.

Aber was die FTD mit diesem Artikel auf ihren Seiten präsentiert, ist einfach nur schlechter Journalismus. Und wenn schon Autoren der FTD mit Tatsachen so manipulativ umgehen: wie soll man da noch gegen die richtigen Wahrheitsverdreher argumentieren. Oder gegen BILD.

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