{"id":37,"date":"2008-10-16T21:46:15","date_gmt":"2008-10-16T20:46:15","guid":{"rendered":"http:\/\/goesselgold.de\/blog\/?p=37"},"modified":"2023-11-20T22:44:41","modified_gmt":"2023-11-20T21:44:41","slug":"erinnerungen-an-meinen-toten-bruder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.goesselgold.de\/blog\/2008\/10\/erinnerungen-an-meinen-toten-bruder\/","title":{"rendered":"Erinnerungen an meinen toten Bruder"},"content":{"rendered":"\n<p>Siebzehn Jahre, nachdem mein Bruder gestorben war, konnte ich dar\u00fcber schreiben. Das war 1999 und ich war 32 Jahre alt. Erwachsen. Nicht mehr der F\u00fcnfzehnj\u00e4hrige, der erlebt hatte, wie sein Bruder krank wurde und starb.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Anlass war ein Traum: Ich hatte schon lange nicht mehr von Axel getr\u00e4umt, und dieser Traum war anders als die Tr\u00e4ume, die ich seit seinem Tod getr\u00e4umt hatte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Jetzt, wiederum viele Jahre sp\u00e4ter, kann ich mich nicht mehr an den Traum erinnern. Den Text hatte ich nicht beendet, und ich hatte noch nichts vom Inhalt des Traums geschrieben \u2013 warum ich also \u00fcberhaupt den Text begonnen habe, bleibt im Dunkeln. Trotzdem: Der Text kommt mir heute unfertig vor, wie der Anfang einer gr\u00f6\u00dferen Geschichte, und mit heutigem Blick brauchte er unbedingt eine \u00dcberarbeitung. Das hole ich nun nach.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">1999<\/h2>\n\n\n\n<p>Vor siebzehn Jahren ist mein Bruder Axel gestorben \u2013 er war siebzehn Jahre alt. Seitdem ist er nicht mehr da, aber ich habe ihn oft im Traum getroffen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich traf ihn in verschiedenen Umgebungen und unter verschiedenen Umst\u00e4nden. Und mein Bruder war im Traum nie tot oder auch nur ernstlich krank.<\/p>\n\n\n\n<p>Nur in den ersten Tr\u00e4umen, gleich nachdem er gestorben war, hatte ich Angst. Ich hatte die beunruhigende Ahnung, dass mein Bruder, der da in einiger Entfernung vor mir stand, eigentlich nicht da sein konnte, es konnte ihn so nicht geben. Er war leibhaftig vor mir und ich sah ihn, zun\u00e4chst nur von fern. Ihn aber anzusprechen oder auf ihn zuzugehen traute ich mich nicht. Ich f\u00fchlte mich verfolgt, obwohl er mir nicht n\u00e4her kam. Gleichzeitig wunderte ich mich dar\u00fcber, dass er hier war, denn irgendwoher wusste ich, dass das unm\u00f6glich war. Und ich hatte gro\u00dfe Angst.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Traum wiederholte sich. Am Tag war mein Bruder tot, in den N\u00e4chten kam er wieder zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich kann nicht mehr sagen, \u00fcber welche Zeit ich diesen Traum tr\u00e4umte, es werden einige Wochen oder Monate gewesen sein. Und ich traf meinen Bruder nicht in jeder Nacht wieder. Aber jedesmal, wenn er zu mir kam, war ich gewiss, dass er wirklich da war, und genauso sicher wusste ich, dass es ihn gerade nicht gab. Ich konnte diesen Widerspruch nicht aufl\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<p>Je \u00f6fter Axel mich besuchte, desto vertrauter wurde mir jedoch seine Anwesenheit. Ich tr\u00e4umte Geschichten, in denen er gleichzeitig vorhanden und nicht gegenw\u00e4rtig sein konnte. Er besuchte mich, denn er war einige Zeit weg gewesen; daf\u00fcr gab es Gr\u00fcnde. Er hatte eine Ausbildung in einer anderen Stadt gemacht. Oder er hatte in einem Internat gelebt und war zu Besuch gekommen. Die Umst\u00e4nde hatten ihn Wochen, oder Monate, sp\u00e4ter auch Jahre, an Orte gebracht, von denen aus er keinen Kontakt zu uns halten konnte. Entweder wusste ich im Traum, warum er so lange weg gewesen war \u2013 bis auf wenige Tr\u00e4ume war es so \u2013 oder er erkl\u00e4rte es mir.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Gef\u00fchl blieb immer. Ich r\u00e4tselte, wie Axel so lange nicht bei uns gewesen sein konnte, ohne dass ich seine eigentliche Abwesenheit richtig wahrgenommen hatte. Ich konnte mir nie erkl\u00e4ren, wie <em>ich<\/em> diese Zeit verbracht hatte \u2013 es war, als erschaffe erst sein Besuch die Monate oder Jahre der Ausbildung oder der Internatszeit. Er kam und war unzweifelbar da, und ohne Zweifel war er nicht immer da gewesen, aber diese Zeit existierte nur als blasse Erinnerung. Nur er hatte die Abwesenheit erlebt, ich nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann hatte ich im Traum keine Angst mehr, wenn mein Bruder kam. Ich sorgte mich aber wegen meiner Vergesslichkeit: Ich war immer verwundert, unter welchen Umst\u00e4nden wir uns trafen. Im \u00dcbrigen erlebte ich in den Tr\u00e4umen mit Axel keine Handlung. Bis in die j\u00fcngste Zeit tr\u00e4umte ich nur die eigentliche Begegnung; wenn sich anderes ereignete, hinterlie\u00df es jedenfalls keine bleibende Spur in meinem Ged\u00e4chtnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Je mehr Jahre vergingen, desto weniger konnte ich sagen, wie alt mir Axel im Traum erschien. Es blieb immer der \u00e4ltere Bruder, aber er wurde auch w\u00e4hrend der Zeit nicht viel \u00e4lter als die siebzehn Jahre, mit denen er starb. Mich selbst erlebte ich jeweils in meiner aktuellen Lebenszeit: ich ging zur Schule, ich studierte und zog von zu Hause fort, ich lebte in verschiedenen St\u00e4dten, ich wurde eben \u00e4lter. Es erschien mir nicht als Widerspruch, wenn ich den ewig jugendlichen gro\u00dfen Bruder nie einholte, obwohl ich bald l\u00e4ngere Zeit im Leben ohne ihn verbracht hatte als mit ihm zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber ich entfernte mich von ihm. Wenn wir uns im Traum trafen, schreckte mich h\u00f6chstens noch, wie wenig ich von seiner Vergangenheit wu\u00dfte. Jener Vergangenheit, die er seit unserer gemeinsamen Kindheit ohne uns allein irgendwo verbracht hatte. Das wusste ich, wenn ich von uns tr\u00e4umte: Axel war allein zurechtgekommen, und es tat mir manchmal leid, dass ich ihn so wenig vermisst hatte. Im Traum lebte er von mir und meiner Mutter getrennt, ich konnte mir nicht genau erkl\u00e4ren, was er tat, oder woher er kam. Er war einfach mein \u00e4lterer Bruder, der ein f\u00fcr mich nicht fassbares Leben lebte.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Traum starb mein Bruder nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber die Nacht, in der mein Bruder wirklich starb, hat eine Galerie von Bildern in mein Ged\u00e4chtnis gemalt. Deutlich ausgeleuchtete Szenen, wie Standbilder aus einem Film.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich bin f\u00fcnfzehn Jahre alt. Ich liege im Wohnzimmer auf der Couch, der Fernseher l\u00e4uft. Ich liege in meiner Ecke, die Wolldecke \u00fcber mich gezogen und blicke in Richtung Fernseher. Es ist sp\u00e4t, irgendwann nach zehn Uhr abends. Vom Wohnzimmer gehen alle anderen R\u00e4ume ab. Es f\u00fchren T\u00fcren zum Flur, zur K\u00fcche und zum Kinderzimmer, zwischen den T\u00fcren nur schmale Streifen Wand. Neben dem Fernseher geht es in Mamas Schlafzimmer. Mich umgeben nur T\u00fcren und das Fernsehbild.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Kinderzimmer sind Mama und Tante Uschi bei Axel. Meine Gedanken sind nicht beim Film, ich weiss nur, dass alle still und besorgt sind. Die Zeit vergeht nicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann passiert etwas. Die Zeit tickt wieder. Meine Tante kommt aus dem Kinderzimmer heraus und stellt den Fernseher ab. Sie geht zum Telefon, w\u00e4hlt, und sagt kurz darauf in den H\u00f6rer: \u201eAxel hat jetzt aufgeh\u00f6rt zu atmen\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Augenblick fange ich an zu weinen. Es schluchzt aus mir heraus. Es h\u00f6rt nicht auf. Meine Tante kommt zu mir heran und sagt etwas wie \u201eWeine nur\u201c, aber nun hat mein K\u00f6rper ausgeheult, jetzt weine ich mit dem Kopf, weil ich nichts besseres zu tun weiss und denke, dass ich noch nicht aufh\u00f6ren darf. Ich muss nicht mehr weinen, aber ich darf nicht aufh\u00f6ren.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann liege ich nur noch da, mit dem Gesicht zur Lehne, zusammengerollt. Ich schaue eine lange Zeit nicht auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Sp\u00e4ter kommen zwei M\u00e4nner vom Bestattungsinstitut. Vorher muss der Arzt auch da gewesen sein, um den Totenschein auszustellen, aber daran kann ich mich nicht mehr erinnern.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich sehe jetzt den ersten der M\u00e4nner r\u00fcckw\u00e4rts aus dem Zimmer kommen, in dem Axel und ich zusammen gelebt haben. Der Mann lehnt sich beim Gehen zur\u00fcck, denn er tr\u00e4gt oder zieht etwas, wie wenn jemand einen Sack \u00fcber den Boden zieht. Aber seine Last schleift nicht auf dem Boden. Er h\u00e4lt mit beiden H\u00e4nden das eine Ende eines Lakens, in dem sich nun, da der Mann weiter ins Wohnzimmer tritt, die Konturen eines K\u00f6rpers abzeichnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich erinnere mich an die Formen. Ich habe sie jahrelang so deutlich gesehen, dass ich dachte, ich m\u00fcsste sie nur abmalen, wenn ich daraus ein Bild machen wollte. Der Knick in der Mitte des Lakens, wo Axels H\u00fcfte war. Die Kn\u00f6chel der einen Hand und der Abdruck von Axels Fingern als schattenwerfende Erhebungen auf dem Stoff. Der Ellbogen, die Schulter: Kanten, die sich durch das Laken dr\u00fccken. Es h\u00e4tte nur wenige Striche gebraucht. Axels Kopf ist das einzige Runde, was sich auf dem Laken abzeichnet, zwischen dem ersten Mann und dem zweiten, der dann aus dem Zimmer kommt. Der erste hat schon die T\u00fcr zum Flur erreicht und verschwindet. Jetzt der Zweite. Was sie mitgenommen haben: ein sperriges B\u00fcndel. Ein toter K\u00f6rper.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">2021<\/h2>\n\n\n\n<p>Hier h\u00f6rt der Text auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Bild, wie die Bestatter die Leiche meines Bruders aus dem Zimmer tragen, habe ich sp\u00e4ter tats\u00e4chlich gezeichnet. Es war, wie ich geschrieben hatte: Ich musste es nur aus meinem Ged\u00e4chtnis abmalen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Siebzehn Jahre, nachdem mein Bruder gestorben war, konnte ich dar\u00fcber schreiben. Das war 1999 und ich war 32 Jahre alt. Erwachsen. Nicht mehr der F\u00fcnfzehnj\u00e4hrige, der erlebt hatte, wie sein Bruder krank wurde und starb. 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