Erinnerungen an meinen toten Bruder

Dies ist ein Text, den ich siebzehn Jahre nach dem Tod meines Bruders geschrieben habe.

Der Anlass war ein Traum: Ich hatte schon lange nicht mehr von Axel geträumt, und dieser Traum war anders als die Träume, die ich seit seinem Tod geträumt hatte. Jetzt, wiederum zehn Jahre später, kann ich mich nicht mehr an den Traum erinnern. Den Text hatte ich nicht beendet, und ich hatte noch nichts vom Inhalt des Traums geschrieben.

Der Text steht nun für sich. Und das habe ich geschrieben, vor zehn Jahren:

Erinnerungen an meinen toten Bruder

Seit er tot ist, habe ich schon oft von meinem Bruder geträumt.

Vor siebzehn Jahren ist er gestorben – er war siebzehn Jahre alt. In siebzehn Jahren habe ich meinen Bruder oft im Traum getroffen. Und so groß die Unterschiede in den Umgebungen und in den Umständen auch gewesen sind, alle hatten eines gemein: Mein Bruder war im Traum nie tot – oder auch nur ernstlich krank.

In der letzten Nacht war das zum ersten Mal anders.

Nur in den ersten Träumen, gleich nachdem er gestorben war, hatte ich Angst. Ich hatte die beunruhigende Ahnung, dass mein Bruder, der da in einiger Entfernung vor mir stand, eigentlich nicht da sein konnte, es konnte ihn so nicht geben. Er war leibhaftig vor mir und ich sah ihn, zunächst nur von fern. Ihn aber anzusprechen oder auf ihn zuzugehen traute ich mich nicht. Ich fühlte mich verfolgt, obwohl er mir nicht näher kam. Gleichzeitig wunderte ich mich darüber, dass er hier war, denn irgendwoher wusste ich, dass das unmöglich war. Und ich hatte große Angst.

Dieser Traum wiederholte sich. Am Tag war mein Bruder tot, in den Nächten kam er wieder zurück.

Ich kann nicht mehr sagen, über welche Zeit ich diesen Traum träumte, es werden einige Wochen oder Monate gewesen sein. Und ich traf meinen Bruder nicht in jeder Nacht wieder. Aber jedesmal, wenn er zu mir kam, war ich gewiß, dass er wirklich da war, und genauso gewiß wusste ich, dass es ihn gerade nicht gab. Ich konnte diesen Widerspruch nicht auflösen.

Je öfter Axel mich besuchte, desto vertrauter wurde mir jedoch seine Anwesenheit. Ich träumte Geschichten, in denen er gleichzeitig vorhanden und nicht gegenwärtig sein konnte. Er besuchte mich, denn er war einige Zeit weggewesen; dafür gab es Gründe. Er hatte eine Ausbildung in einer anderen Stadt gemacht. Oder er hatte in einem Internat gelebt und war zu Besuch gekommen. Die Umstände hatten ihn Wochen, oder Monate, später auch Jahre, an Orte gebracht, von denen aus er keinen Kontakt zu uns halten konnte. Entweder wusste ich im Traum, warum er so lange weg gewesen war – bis auf wenige Träume war es so – oder er erklärte es mir.

Ein Gefühl blieb immer. Ich rätselte, wie Axel so lange nicht bei uns gewesen sein konnte, ohne dass ich seine eigentliche Abwesenheit richtig wahrgenommen hatte. Ich konnte mir nie erklären, wie ich diese Zeit verbracht hatte – es war, als erschaffe erst sein Besuch die Monate oder Jahre der Ausbildung oder der Internatszeit. Er kam und war unzweifelbar da, und ohne Zweifel war er nicht immer dagewesen, aber diese Zeit existierte nur als blasse Erinnerung. Nur er hatte die Abwesenheit erlebt, ich nicht.

Irgendwann hatte ich im Traum keine Angst mehr, wenn mein Bruder kam. Ich sorgte mich aber wegen meiner Vergesslichkeit: Ich war immer verwundert, unter welchen Umständen wir uns trafen. Im Übrigen erlebte ich in den Träumen mit Axel keine Handlung. Bis in die jüngste Zeit träumte ich nur die eigentliche Begegnung; wenn sich anderes ereignete, hinterließ es jedenfalls keine bleibende Spur in meinem Gedächtnis.

Je mehr Jahre vergingen, desto weniger konnte ich sagen, wie alt mir Axel im Traum erschien. Es blieb immer der ältere Bruder, aber er wurde auch während der Jahre nicht viel älter als die siebzehn, mit denen er starb. Mich selbst erlebte ich jeweils in meiner aktuellen Lebenszeit: ich ging zur Schule, ich studierte und zog von zu Hause fort, ich lebte in verschiedenen Städten, ich wurde eben älter. Es erschien mir nicht als Widerspruch, wenn ich den ewig jugendlichen großen Bruder nie einholte, obwohl ich bald längere Zeit im Leben ohne ihn verbracht hatte als mit ihm zusammen. Aber ich entfernte mich von ihm. Wenn wir uns im Traum trafen, schreckte mich höchstens noch, wie wenig ich von seiner Vergangenheit wußte. Jener Vergangenheit, die er seit unserer gemeinsamen Kindheit ohne uns allein irgendwo verbracht hatte. Das wusste ich, wenn ich von uns träumte: Axel war allein zurechtgekommen, und es tat mir manchmal leid, dass ich ihn so wenig vermisst hatte. Im Traum lebte er von mir und meiner Mutter getrennt, ich konnte mir nicht genau erklären, was er tat, oder woher er kam. Er war einfach mein älterer Bruder, der ein für mich nicht fassbares Leben lebte.

Im Traum starb mein Bruder nicht. Aber die Nacht, in der mein Bruder wirklich starb, hat eine Galerie von Bildern in mein waches Gedächtnis gemalt, die trotz ihrer fehlenden Farben intensiv strahlen und nicht verblassen.

Ich bin fünfzehn Jahre alt. Ich liege im Wohnzimmer auf der Couch und sehe fern. Ich liege in meiner Ecke, die Wolldecke über mich gezogen und blicke in Richtung Fernseher. Es ist spät, irgendwann nach zehn Uhr abends. Vom Wohnzimmer gehen alle anderen Räume ab. Es liegen jeweils nur wenige Dezimeter Wand zwischen den Türen zum Flur, zur Küche und zum Kinderzimmer. Neben dem Fernseher geht es in Mamas Schlafzimmer. Mich umgeben nur Türen und das Fernsehbild. Im Kinderzimmer sind Mama und Tante Uschi bei Axel. Meine Gedanken sind nicht beim Film, ich weiss nur, dass alle still und besorgt sind. Die Zeit vergeht nicht.

Dann passiert etwas. In einem Moment ändert sich alles. Die Zeit tickt wieder. Meine Tante kommt aus dem Kinderzimmer heraus und stellt den Fernseher ab. Sie geht zum Telefon, wählt, und sagt kurz darauf in den Hörer: „Axel hat jetzt aufgehört zu atmen“.

In diesem Augenblick fange ich an zu weinen. Es schluchzt aus mir heraus, so empfinde ich es. Es hört nicht auf. Meine Tante kommt zu mir heran und sagt etwas wie „Weine nur“, aber nun hat mein Körper ausgeheult, jetzt weine ich mit dem Kopf, weil ich nichts besseres zu tun weiss und denke, dass ich noch nicht aufhören darf. Ich muss nicht mehr weinen, aber ich darf nicht aufhören.

Dann liege ich nur noch da, mit dem Gesicht zur Lehne, zusammengerollt. Ich schaue eine lange Zeit nicht auf.

Später kommen zwei Männer vom Bestattungsinstitut. Vorher muss der Arzt auch dagewesen sein, um den Totenschein auszustellen, aber daran kann ich mich nicht mehr erinnern.

Ich sehe jetzt den ersten der Männer rückwärts aus dem Zimmer kommen, in dem Axel und ich zusammen gelebt haben. Der Mann lehnt sich beim Gehen zurück, denn er trägt oder zieht etwas, wie wenn jemand einen Sack über den Boden zieht. Aber seine Last schleift nicht auf dem Boden. Er hält mit beiden Händen das eine Ende eines Lakens, in dem sich nun, da der Mann weiter ins Wohnzimmer tritt, die Konturen des darin enthaltenen Körpers abzeichnen.

Ich erinnere mich an die Formen. Ich habe sie jahrelang so deutlich gesehen, dass ich dachte, ich müsste sie nur abmalen, wenn ich daraus ein Bild machen wollte. Der Knick in der Mitte des Lakens, wo Axels Hüfte war. Die Knöchel der einen Hand und der Abdruck von Axels Fingern als schattenwerfende Erhebungen auf dem Stoff. Der Ellbogen, die Schulter: Kanten, die sich durch das Laken drücken. Es hätte nur wenige Striche gebraucht. Axels Kopf ist das einzige Runde, was sich auf dem Laken abzeichnet, zwischen dem ersten Mann und dem zweiten, der dann aus dem Zimmer kommt. Der erste hat schon die Tür zum Flur erreicht und verschwindet. Ein Statist, der von der Bühne tritt. Jetzt der Zweite. Was sie mitgenommen haben: ein sperriges Bündel. Ein toter Körper.

Hier hört der Text auf.

Das Bild, wie die Bestatter die Leiche meines Bruders aus dem Zimmer tragen, habe ich später tatsächlich gezeichnet. Es war, wie ich geschrieben hatte: Ich musste es nur aus meinem Gedächtnis abmalen.

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